Der schwarze Mann in der Schule

Ende Januar wurde ein Polizeieinsatz in Hamburg insbesondere in polizeikritischen Kreisen in den sozialen Medien heiß diskutiert. Von Rassismus war die Rede, vom Polizeipräsidenten wurde eine Entschuldigung erwartet. Was war passiert – und war die Aufregung gerechtfertigt?

Vorbemerkung

Ich bin ehemaliger Bundespolizist. Ich habe nie für eine Landespolizei gearbeitet und bin daher weder mit dem ausgebildeten noch dem in der Praxis verbreiteten Vorgehen in Einsatzszenarien wie dem hier behandelten im Detail vertraut. Meine Einschätzungen fußen auf allgemeinpolizeilichen taktischen Erwägungen, rechtlichen Grundlagen und der regelmäßigen Lektüre von Einsatz- und Lagemeldungen diverser Dienststellen unterschiedlicher Landespolizeien.

Für kritische Anmerkungen, Korrekturen oder Ergänzungen von Landespolizei-Kollegen bin ich daher immer dankbar.

1. Ausgangslage

Die Hauptquelle zu dem gesamten Sachverhalt ist ein Artikel der Hamburger Morgenpost vom 25. Januar.1 „Weil er schwarz ist?“

Der fragliche Polizeieinsatz anlässlich eines möglichen Einbruchs in eine Schule ereignete sich aber bereits am 22. November 2020. Es empfiehlt sich, den Artikel zunächst zu lesen, um meinen Ausführungen besser folgen zu können.

Eine 14-jährige Passantin meldete sich beim Polizeinotruf und gab an, „ein schwarz maskierter Mann“ halte sich in der Schule in Langenhorn auf. Was sie und die alarmierten Polizisten nicht ahnen konnten: Der dunkelhäutige Mann, den sie durch die Fenster sah – sein Name ist Philip Oprong Spenner -, ist Lehrer an eben jener Schule.

Kurz darauf erreichten fünf Streifenwagen das Gebäude. Nach Auskunft von Herrn Spenner war er es, der die ersten Beamten durch das Fenster ins Gebäude gelassen hat – nur um kurz darauf mit Taschenlampen geblendet und gezogenen Schusswaffen bedroht zu werden. Obwohl er einen Schlüssel zum Gebäude habe vorweisen können, habe er sich ausweisen müssen. Außerdem sei er u.a. nach dem Namen der Schulleitung, seinem Geburtsort und seiner Aufenthaltsdauer in Deutschland befragt worden.

2. Haben die Polizisten rassistisch gehandelt?

Der Vorwurf, der von zahlreichen Kommentatoren in Richtung der Polizei Hamburg vorgebracht wird, lautet: Das massive Polizeiaufgebot, das martialische Vorgehen, die gezogenen Waffen, die merkwürdigen Fragen – all das wäre bei einem weißhäutigen Menschen nicht so gelaufen. Wegen seiner Hautfarbe hätten die eingesetzten Beamten ihm nicht sofort geglaubt, dass er Lehrer an der Schule sei. Kurz: Die Polizei habe rassistisch gehandelt.2 Exemplarisch bei Stephan Anpalagan

Wie so oft ist es komplexer als auf den ersten Blick erkennbar. Selbst wenn alle in der MOPO protokollierten Schilderungen von Herrn Spenner stimmen (und es gibt gute Gründe dafür, die Zuverlässigkeit von Augenzeugen- und Opferberichten zu bezweifeln3 Scientific American ), wird es einem solchen Einsatzgeschehen und den Herausforderungen des Polizeiberufes nicht gerecht, einfach nur „Rassismus!“ zu diagnostizieren.

Dennoch hinterlassen einige Details des Einsatzverlaufes einen faden Beigeschmack, den ich gern ergründen möchte. Ich erlaube mir daher einige Erläuterungen und kritische Bemerkungen zum Handeln der Polizeibeamten.

2.1 Die Polizeitaktik

Ausgangsszenario für die eingesetzten Beamten war ein mutmaßlicher Einbruch in ein großes Gebäude. Bei derartigen Einsätzen befolgt die Polizei standardmäßige Abläufe und Vorgehensweisen, von denen ich zumindest einige umreißen kann:

Aufgrund der Größe des Gebäudes, der damit verbundenen Anzahl an möglichen Ein- und Ausgängen und der unbekannten Anzahl möglicher Täter im Objekt ist die Entsendung einer derart hohen Zahl von Einsatzkräften üblich. Das Gebäude soll auf diese Weise umstellt und/oder von allen Eingängen aus gleichzeitig betreten und durchsucht werden können. Außerdem ist so einigermaßen sichergestellt, dass auch bei Aufteilung der Kräfte im Gebäudeinneren kein Beamter für mehr als ein paar Schrecksekunden einer Überzahl an Verdächtigen gegenübersteht.

Das Vorgehen mit gezogenen Schusswaffen, wie es in dem Artikel geschildert wird, entspricht ebenfalls dem Standardverhalten, wenn unbekannte Räumlichkeiten nach einer unbekannten Zahl von Tatverdächtigen mit unbekannter Bewaffnung durchsucht werden. Im Ernstfall entscheiden Bruchteile von Sekunden über den Ausgang einer Konfrontation mit bewaffneter Gegenwehr. Rein rechtlich ist das Führen der Dienstwaffe in der Hand unproblematisch, solange die Mündung auf den Boden gerichtet ist. Die Polizei bezeichnet diese Art des Führens der Waffe als „entschlossene Sicherungshaltung“.

Das Anleuchten und Blenden einer unbekannten Person mit der Taschenlampe ist schon fortgeschrittenes taktisches Vorgehen. Es verschafft den Polizisten einige Sekunden Zeit, in denen sie sich relativ gefahrlos annähern können, um beispielsweise eine mögliche Bewaffnung zu erkennen oder die Person mit einer Zeugenbeschreibung abzugleichen. Solange keine Gefährdung des Augenlichts aufgrund der enormen Leuchtkraft der Lampe zu befürchten ist 4nach meinem Kenntnisstand bei permanenter Einwirkung mit rund 1000 Lumen oder mehr über mehrere Minuten hinweg, ist daran nichts auszusetzen. Im Gegenteil: Das kurzzeitige Blenden des Gegenübers ist meiner Meinung nach eine sehr verhältnismäßige und wirkungsvolle taktische Option, die zu wenig ausgebildet und praktiziert wird.

2.2 Die Begegnung mit dem Lehrer

Bis hierher erkenne ich am Vorgehen der Polizisten, wie es von Herrn Spenner beschrieben wurde, nichts Problematisches. Seine Wiedergabe der direkten Interaktion mit den Beamten löst bei mir dann aber einiges Stirnrunzeln aus.

Das erste – und durchaus gravierende – Problem, das ich sehe: Nach Herrn Spenners Schilderung wurden mehrere Dienstwaffen auf ihn statt nur auf den Boden gerichtet. Die Polizei nennt das „aufmerksame Schießhaltung“. Soweit ich weiß, bilden alle deutschen Polizeien aus: Die Schusswaffe darf und soll erst auf eine Person gerichtet werden, wenn ihr Einsatz unmittelbar bevorsteht. Solange die rechtlichen Voraussetzungen für den Schusswaffengebrauch gegen Personen nicht vorliegen, ist die Mündung der Waffe „vorwärts-abwärts“ – also in der oben erwähnten aufmerksamen Sicherungshaltung – auszurichten.

Über die rechtlichen Details kann man streiten. Deutlich herrschende Meinung ist nach meinem Kenntnisstand aber, dass die entschlossene Schießhaltung zwar keine hinreichende Androhung des Schusswaffengebrauches beinhaltet5Der Schusswaffengebrauch ist verbal oder mittels Warnschuss anzudrohen, sofern die Lage das irgendwie zulässt., aber strafrechtlich als Bedrohung (§ 241 StGB) gewertet werden muss. Damit dieses grundsätzlich strafbare Verhalten ausnahmsweise gerechtfertigt ist, müssen die rechtlichen Voraussetzungen für die Schussabgabe vorliegen.

Ich möchte niemanden mit juristischen Erwägungen langweilen, die ich noch dazu nur in sehr begrenztem Umfang anstellen kann. Daher behaupte ich an dieser Stelle lediglich mit Verweis auf den einschlägigen § 24 SOG, dass die Voraussetzungen für den Schusswaffengebrauch in dieser Situation recht eindeutig nicht gegeben waren. Treffen die Anschuldigungen von Herrn Spenner zu, müssen die fraglichen Kollegen mindestens nachgeschult und sensibilisiert werden.

Nachdem die Waffen wieder geholstert waren, sollte (und musste) zunächst die Identität des Angetroffenen festgestellt werden. Herr Spenner war zu diesem Zeitpunkt Tatverdächtiger und machte Angaben, die ihn von diesem Verdacht entlasten könnten. Die Feststellung, wer genau er ist und ob seine Angaben stimmen, war also offensichtlich erforderlich. Mit der Frage nach dem Namen von anderen Mitarbeitern der Schule kamen die Beamten ihrer Verpflichtung nach, für die Staatsanwaltschaft „nicht nur die zur Belastung, sondern auch die zur Entlastung dienenden Umstände zu ermitteln“.6 § 160 Abs. 2 StPO

In der Diskussion dieses Einsatzes in den sozialen Medien wurde vielfach auf den Schlüssel zu der Schule hingewiesen. Die Behauptung: Die Polizei hätte ihren Einsatz abbrechen müssen, sobald Herr Spenner den Schlüssel zu der Schule vorgewiesen hatte.
Auch hier weise ich ohne große rechtliche Ausschweifungen darauf hin, dass der Besonders schwere Fall des Diebstahls in einer Variante durch das Eindringen in ein Gebäude „mit einem falschen Schlüssel“ unter Strafe stellt.7§ 243 Abs. 1 Nr. 1 StGB Darunter fallen auch Schlüssel, die von einem Berechtigten entwendet wurden, um den Einbruch begehen zu können.
Das Vorliegen eines Schulschlüssels allein reichte also nicht, um Herrn Spenner vom Tatverdacht zu entlasten.

Da er seinen Ausweis nicht bei sich, sondern im Lehrerzimmer hatte, wurde er dorthin begleitet. Die Aufforderung, „nicht so schnell zu gehen“, muss nichts mit einem befürchteten Fluchtversuch zu tun haben: Die meisten Menschen sind in einer polizeilichen Maßnahme – ähnlich der sogenannten „Weißkittelhypertonie“ beim Arztbesuch – oft auch dann nervös, wenn sie objektiv nichts zu befürchten haben. Befürchtet man aufgrund früherer negativer Erfahrungen, unabhängig von Schuld und Unschuld etwas von der Polizei zu befürchten zu haben, mag das umso mehr gelten.
Mit derartiger Anspannung geht man häufig völlig unbewusst schneller als sonst. Die einfache Erinnerung, bitte nicht so voran zu preschen, ist dann die mildere und weniger übergriffige Alternative zum Fassen an Arm oder Schulter.

Nachdem der Ausweis vorlag, fragte ein Kollege Herr Spenner nach seinem Geburtsort und seiner Aufenthaltsdauer in Deutschland. Hier komme ich ins Grübeln: Der Geburtsort sollte auf dem Ausweis vermerkt sein. Es ist allerdings denkbar, dass das Lichtbild keine eindeutige Identifikation zugelassen hat 8Je nach Alter des Dokumentes bzw. Qualität des Fotos kann die eindeutige Zuordnung insbesondere bei Menschen mit dunkler Hautfarbe tatsächlich schwer fallen. und daher die Angaben auf dem Ausweis stichprobenartig gegengeprüft werden sollten. Die Frage nach dem Geburtsort allein wäre also noch erklärbar.

In Verbindung mit der Frage nach der Aufenthaltsdauer fällt mir dagegen nur eine weniger erfreuliche Erklärung ein: Es ist denkbar, dass der Beamte Herrn Spenners Aufenthaltsstatus über das Ausländerzentralregister feststellen wollte. Beim Datenabgleich mit dieser Datenbank spielt der Geburtsort häufiger eine Rolle. Dafür könnte es eigentlich nur einen Grund geben: Der Kollege hatte den Verdacht eines unerlaubten Aufenthaltes9 § 95 Abs. 1 Nr. 1, 2 AufenthG .

Das wäre bei der Sachlage, wie sie sich zu diesem Zeitpunkt dargestellt hatte, aus meiner Sicht nicht mehr gut zu erklären: Herr Spenner konnte nicht nur die Fragen nach Schulleitung u.ä. in fließendem Hochdeutsch und mutmaßlich zufriedenstellend beantworten. Er konnte auch einen gültigigen Ausweis sowie einen Schlüssel zum Gebäude vorweisen. Eine plausible Erklärung für seinen abendlichen Aufenthalt im Schulgebäude hatte er ebenfalls.

Es bleiben in der Gesamtschau aus meiner Sicht keine „hinreichenden tatsächlichen Anhaltspunkte“ für ein Aufenthaltsdelikt. Tatsächlich deutete in dieser Situation nur ein einziges Indiz darauf hin: Die Hautfarbe des Angetroffenen. Sofern ich in meiner Betrachtung der Ereignisse nichts Wichtiges übersehe und die Schilderungen von Herrn Spenner zutreffend sind, wirft das kein gutes Bild auf den kontrollierenden Kollegen.

2.3 Zwischenfazit

„Die Polizei“ hat auf diesen Einbruchsalarm aus meiner Sicht nicht rassistisch, sondern professionell reagiert. Sowohl die Anzahl der eingesetzten Beamten als auch deren Vorgehen waren angesichts der Einsatzumstände richtig und nachvollziehbar. Nichts lässt vermuten, dass ein Einbruchalarm mit vermeintlich hellhäutigem Verdächtigen anders gehandhabt worden wäre.

Zu den zwei Punkten, die ich weiter oben problematisiert habe, würden mich Ausführungen von Kollegen der Landespolizei interessieren. Soweit ich die Sachlage überblicke, waren weder die aufmerksame Schießhaltung noch die Frage nach Geburtsort und Aufenthaltsdauer angezeigt.

3. Entschuldigung?

Sowohl Herr Spenner selbst als auch zahlreiche Kommentatoren haben Ihre Erwartung zum Ausdruck gebracht, der Polizeipräsident möge sich für das Handeln seiner Beamten entschuldigen oder sich gar mit ihm zum Gespräch treffen.

Es ist bedauerlich, dass Herr Spenners Beschwerde bis zum Zeitpunkt des Artikels unbeantwortet blieb. Aber mit Verlaub: Ein Polizeipräsident hat nicht die Aufgabe, Zweifel am Handeln einzelner Beamter im Gespräch mit einzelnen Betroffenen auszuräumen. Der Präsident einer Polizeibehörde dürfte darüber hinaus Rassismus-Vorwürfen gegenüber seiner Gesamtorganisation ähnlich bereitwillig beipflichten wie die Polizeigewerkschaften.

Schließlich gibt es innerhalb der Sicherheitsbehörden nicht ohne Grund einen Dienstweg. Vermeintliches Fehlverhalten einzelner Streifenbeamter – für das ich hier durchaus Indizien sehe – ist zunächst eine Angelegenheit für deren unmittelbaren Vorgesetzten. Das moderne Führungssystem innerhalb der Polizei fußt unter anderem auf dem Grundsatz der Subsidiarität10 Verkürzt: Jede Aufgabe ist der Stelle zu übertragen, die sie gerade noch erfüllen kann. [Wikipedia]. Eine Angelegenheit wie diese vorschnell zur Chefsache zu machen, gilt daher – zurecht, wie ich finde – als unangebracht und nicht mehr zeitgemäß.

Nachbemerkungen

Kommentierungen konkreter Einsatzmaßnahmen stehen grundsätzlich unter einigen Vorbehalten.

Erstens hängen viele der Bewertungen, die ich hier vornehme, erheblich von Mutmaßungen über das Innenleben der eingesetzten Beamten in der konkreten Situation ab. Was genau ein Kollege mit einer Maßnahme oder Anordnung bewirken wollte und welche Annahmen er seinem Handeln zu Grunde gelegt hat, wird mir in den meisten Fällen verborgen bleiben.

Für das von mir problematisierte Verhalten der jeweiligen Beamten kann es zweitens vollkommen profane Erklärungen geben, die mir und den allermeisten Beobachtern eventuell nie bekannt werden können. Nur ein Beispiel: Für Berufsanfänger kann ein Einsatzszenario wie das Durchsuchen von dunklen Räumlichkeiten nach einer noch im Gebäude befindlichen Person mit erheblichem Stress verbunden sein. Unter Umständen hielt Herr Spenner im Moment des Eindringens der Polizeikräfte in die Räumlichkeiten einen Gegenstand in der Hand. Beide Möglichkeiten lassen die entschlossene Schießhaltung plötzlich deutlich einleuchtender erscheinen.

Unter anderem aus diesen Gründen – und weil Einsätze dieser Art immer wieder ein Medienecho hervorrufen und das Handeln der Polizei in ein zweifelhaftes Licht rücken – halte ich es für überfällig, dass die Polizei und ihre Mitarbeiter ihr Vorgehen transparenter erläutert.

7 Gedanken zu „Der schwarze Mann in der Schule“

    • Der Grund für die Schießhaltung und die Fragestellung im Rahmen der Identitätsfeststellung wird hier aber nur unterstellt und bleibt bis zu einer Erläuterung eines der eingestezten Beamten (also vermutlich für immer) nur Spekulation.

      Einen PoC in einem Raum voller weißer Menschen einfach mal verdachtsunabhängig zu kontrollieren ist Rassismus, den einzigen an einem möglichen Tatort aufhältlichen Menschen hinsichtlich seines Aufenthalts in Deutschland zu befragen, weil er mir (das vermute ich jetzt mal) einen ausländischen Ausweis/Pass vorlegt ist polizeiliche Routine.

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  1. „Zu den zwei Punkten, die ich weiter oben problematisiert habe, würden mich Ausführungen von Kollegen der Landespolizei interessieren. Soweit ich die Sachlage überblicke, waren weder die aufmerksame Schießhaltung noch die Frage nach Geburtsort und Aufenthaltsdauer angezeigt.“

    …und bitte:

    2.1. (auch für entsprechenden Passus in 2.2.) „Rein rechtlich ist das Führen der Dienstwaffe in der Hand unproblematisch, solange die Mündung auf den Boden gerichtet ist.“

    Das ist am vorliegenden Sachverhalt gesehen, schlicht falsch.

    Begebe ich mich jetzt in ein unklares, potentiell gefährliches Szenario, in dem es in jeder Sekunde zu einer Situation kommen kann, in der ich mich verteidigen muss, kann mir kein Gesetzt der Welt vorschreiben, von vorn herein meine Verteidigungsfähigkeit herabzusetzen, eben durch das Absenken meiner Waffenmündung u.ä. Vielmehr ist es so, dass ich verpflichtet bin, in dem Moment, wo ich erkenne, dass von dem Gegenüber keine Gefahr für mich ausgeht, welche den unmittelbaren Schusswaffengebrauch notwendig macht, den im Gesetz geforderten Zustand herzustellen, sprich, die Waffe abzusenken oder gar komplett zu holstern.

    Sich unter Beachtung der Eigensicherung in einem unbekannten Szenario bewegend, die Waffe in Richtung einer möglichen Bedrohung zu richten und dann eben plötzlich auf ein Gegenüber zu treffen, stellt noch keine Androhung des Schusswaffengebrauchs da. Dass sie die Waffen heruntergenommen und weggesteckt haben dürften, liegt wohl bei dem vorliegenden Sachverhalt auf der Hand, es sei denn, die haben es geschafft, auf den Lehrer zielend durch das Fenster zu klettern.

    2.2. „Beim Datenabgleich mit dieser Datenbank spielt der Geburtsort häufiger eine Rolle. Dafür könnte es eigentlich nur einen Grund geben: Der Kollege hatte den Verdacht eines unerlaubten Aufenthaltes.

    Das wäre bei der Sachlage, wie sie sich zu diesem Zeitpunkt dargestellt hatte, aus meiner Sicht nicht mehr gut zu erklären: […]“

    Fragen nach dem Geburtsort oder der Aufenthaltsdauer in Deutschland sind bei der Identitätsfeststellung eines Ausländers völlig normal, insbesondere, wenn er sich mit einem ausländischen Ausweisdokument ausweist.

    Insofern ist das; „Tatsächlich deutete in dieser Situation nur ein einziges Indiz darauf hin: Die Hautfarbe des Angetroffenen. Sofern ich in meiner Betrachtung der Ereignisse nichts Wichtiges übersehe und die Schilderungen von Herrn Spenner zutreffend sind, wirft das kein gutes Bild auf den kontrollierenden Kollegen.“; einfach nicht richtig. Oder steht irgendwo, dass der einen deutschen Personalausweis vorgelegt hat.

    Die Fragen nach dem Schulleiter oder dem Hausmeister sind zwar ganz interessant, hätte vermutlich aber auch jeder halbwegs interessierte Elternteil eines Schülers beantworten können. Und sind somit noch kein Indiz für einen berechtigeten Aufenthalt in der Schule.

    3. „Es ist bedauerlich, dass Herr Spenners Beschwerde bis zum Zeitpunkt des Artikels unbeantwortet blieb.“

    Dein Artikel ist vom 10.02.2021. Laut der hier zitierten Hamburger MoPo hat sich der zuständige Polizeipräsident bereits am 26.01.2021 bei dem Lehrer gemeldet und sich entschuldigt.

    Ich weiß nicht wie das in anderen Bundesländern geregelt ist, aber hier in Berlin werden im Falle einer Beschwerde, in form des vorliegenden Sachverhaltes, beide Parteien zusammengebracht. I.d.R der Betroffene und der oder die eingesetzten Beamten. Hier wird dann versucht die Maßnahmen zu erläutern oder eben, falls notwendig, eine Entschuldigung ausgesprochen.

    Nachwort:

    Der vorliegenden Zeitungsartikel der MoPo ist wieder ein schönes Beispiel von BoulevardPresse, die krampfhaft auf den BLM-Train aufspringen will. Schon solche Äußerungen in dem Artikel,

    „Dass eine blonde Kollegin von Spenner früher am Tag in der Schule war, hatte niemand bei der Polizei gemeldet.“

    zeigen das ziemlich deutlich. Will man der Polizei doch das Meldeverhalten der Bürger ankreiden. Dass die Frau schlicht niemand gesehen hat, ist für diese Zeitung und natürlich den betroffenene Lehrer ein Ding der Unmöglichkeit.

    Dass sich der Lehrer an einem Sonntag in der Schule aufgehalten hat, ergibt für mich so viele Wenns und Abers, dass ich wohl nichts anders gemacht hätte, als die eingesetzten Polizeibeamten. Letztendlich hätte es ja auch sein können, dass er sich dort unberechtigt aufhält, auch wenn er ansonsten von Montag bis Freitag dort lehrt. Diebstahl am Arbeitsplatz ist jetzt auch nicht so neu in der Menscheitsgeschichte. Für mich persönlich kann ich einfach nur sagen, dass man den Mann evtl. mit einem besseren Gefühl hätte nach hause schicken können, das ist zumindest immer mein Bestreben, wenn ich bei einem Gegenüber den Anfangsverdacht erst im Laufe der Sachverhaltsklärung ausräumen konnte und er somit die ein oder andere Grundrechtseinschränkung ertragen musste.

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  2. Lieber Felix,

    dieser Text lässt einem das Herz höher schlagen. Eine analytische, mit Faktenwissen und human factors erklärende und abwägend kritische Herangehensweise bereitet unabhängig von einzelnen Fragen große Freude!

    Bitte gerne mehr davon, auch breiter medial 🙂

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  3. Wie geht man denn üblicherweise mit- nennen wir es mangels eines besseren Ausdrucks- „gutartigem“ Rassismus um? Kann man den denn kompensieren? Einer dunkelhäutigen Person mag es ja ein wenig tröstlich erscheinen, wenn keine polizeilichen Regularien verletzt werden, aber ich unterstelle einfach mal der Diskussion halber, dass als Bürger in erster Linie zählt, wie oft man im Rahmen normaler Aktivitäten des täglichen Lebens polizeiliche Aufmerksamkeit erhält, und zwar unabhängig davon, wie sie zustandegekommen ist.

    Ein Beispiel- ein Mann mittleren Alters hält sich längere Zeit neben einem Haus auf. Die Nachbarn haben wirklich nichts gegen Schwarze, haben keine schlechten Erfahrungen, und würden jeden afrikanisch aussehenden Menschen ohne weiteres in den Musikverein aufnehmen, und es ist ihnen auch vollkommen gleichgültig, dass gerade drei afrikanische Familien zugezogen sind. Aber wenn man eine dunkelhäutige Person nicht kennt, dann fühlt man sich, einfach nur deshalb weil das Aussehen der Person stärker vom Durchschnitt des täglich gesehenen abweicht, ein wenig weniger wohl, und lässt dann lieber Vorsicht walten und schaltet dann doch vielleicht lieber einmal zu viel als zu wenig die Polizei ein.

    Anschliessend kommt und geht die Polizei und macht alles richtig, und dennoch hat diese Person wieder einmal ohne eigenes Verschulden polizeiliche Aufmerksamkeit erfahren.

    Passiert das oft genug, dann ist es nur verständlich, wenn betroffene etwas übersensibilisert reagieren- und man muss sich fragen, ob die Summe des institutionellen Verhaltens der Polizei, und zwar begriffen als System inklusive der Personen die nur Hinweise geben- sich diskriminierend verhalten kann, ohne dass Individuen dabei eine rassistische Absicht haben müssen.

    Im geschilderten Fall hört sich für mich die „schwarze Maske“ nach einem Fall von „gutartigem Rassimus“ an. Die Polizeimeldung wäre wohl gar nie eingegangen, wenn der Lehrer weiss gewesen wäre- dunkle Haut verwechselt sich für europäisch geprägte Augen einfach leichter mit schwarzem Stoff.

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  4. Moin Moin,
    danke für die Erläuterungen. Genau sowas suche ich schon lange – anständige Erläuterungen zu den Vorgängen. Auch die Kommentare von C.K. helfen mir hier beim Verstehen was warum wie vorgefallen ist.

    Bei mir ist es so, dass ich in meiner social media Blase tendenziell linke Inhalte präsentiert bekomme und damit entsprechend relativ viel hysterisches Geschrei um die Polizei – während das konservative Gegenüber zwar weniger hysterisch Schreit aber bei der richtigen Einordnung auch nciht unbedingt hilfreich ist… Daher finde ich den in „Wer/Was/Warum“ beschriebenen Grundgedanken zu diesem Block großartig. Ich hoffe Sie bleiben dabei, ich freue mich auf weitere Artikel. 🙂

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    • „Tendenziell linke Inhalte“ soll jetzt übrigens nicht bedeuten dass ich irgendwelche Vorbehalte Polizisten oder Polizistinnen gegenüber habe – ich glaube das der allergrößte Teil einen großartigen Job macht – es soll vielmehr verdeutlichen dass ich eben bezüglich der Polizei relativ regelmäßig unschöne Berichte lese, mir aber eine objektive Einordnung dieser fehlt.

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